# Skate That — Was kein Zeitungsartikel festhält
_3. Juni 2026_
#rollkunstlauf
Neulich war ich auf unserem Dachboden. Kartons sortieren, das Übliche. Ganz hinten, unter einer Kiste mit alten Trainingsunterlagen, ein Stapel Zeitungsausschnitte. Vergilbtes Papier, Delmenhorster Kreisblatt, Nordwest-Zeitung, Weser-Kurier. Viele noch als ganze Seiten, manche herausgerissen, einige mit handschriftlichen Notizen am Rand. Alle aus den Jahren 2006 bis 2012. Alle über meine Zeit im Rollkunstlauf.
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Ich habe mich auf den Dachboden gesetzt und angefangen zu lesen. Artikel für Artikel. Ergebnisse, Bilder, Sponsorenaufrufe, Vereinszeitungen. Und auf einmal war alles wieder da. Die Stadionhalle in Delmenhorst. Der Geruch des Bodens. Das Geräusch der Rollen. Gleitend. Zwanzig Läuferinnen, die samstags um neun noch einmal von vorn anfangen, weil der Armwechsel nicht synchron genug war. Die Reihe keine perfekte Linie.
Fünfzehn Jahre ist das jetzt her. Seit Januar 2011 habe ich keine Formation mehr trainiert. Rollkunstlauf kommt in meinem Alltag nicht mehr vor. Kein Training, kein Wettkampf, keine Wertungsrichter. Das Leben hat sich komplett gedreht: Familie, Beruf, andere Themen. Aber diese Zeitungsartikel haben mich an einen wunderschönen Lebensabschnitt erinnert.
Das hier ist eine kurze Geschichte von Skate That.
### Angefangen hat es mit neun Jahren
Mit neun habe ich meine ersten Rollschuhe angeschnallt. Weil meine Schwester es machte. Weil meine Mutter es früher gemacht hatte. Fußball war bis dahin mein Sport. Dann nicht mehr.
Was mit kleinen Schritten begann, wurde schnell zu mehr. Ich entwickelte mich weiter, machte die Trainer-B-Lizenz, übernahm Ämter im Landesverband Niedersachsen, später auf Bundesebene. Das Leben gehörte dem Sport. Das klingt nach Übertreibung, ist aber schlicht eine Beschreibung der damaligen Wirklichkeit. Als wir 2004 mit der Formation begannen, waren das also nicht einfach sieben neue Jahre, das war der nächste Abschnitt in etwas, das mich mein schon halbes Leben begleitet hatte.
Ich trainierte Rollkunstläufer:innen schon seit vielen Jahren beim Delmenhorster TV. Dann Showgruppen mit kreativen Programmen und viel Freiheit. Auch hier waren wir schon sehr erfolgreich, mehrfach Deutsche Meister. Aber Show hatte für uns keine internationale Perspektive. Wenn wir weiterkommen wollten, musste es Formationslauf sein. Kür nach Reglement, vorgeschriebenen Elementen. Eine andere Disziplin mit denselben Rollschuhen unter den Füßen.
2004 traten wir zum ersten Mal als Formation "Skate That" an. Das Programm hieß „Caesar". Solide für den Anfang, aber weit weg von der Spitze.
Den Einstieg hatten wir uns nicht einfach gemacht. Im selben Jahr liefen wir noch die Showgruppe auf der Europameisterschaft und stiegen danach direkt in die erste Formationssaison ein. Die Läufer:innen mussten sich teilweise noch über einen Tanztest qualifizieren. Ich stand selbst noch mit auf der Fläche, Trainer und Läufer in einer Person. Das war keine optimale Ausgangslage. Aber es hat funktioniert.
2005 hieß das Programm „Robbie Williams". „Let me entertain you" direkt von der ersten Sekunde. Kein Abtasten, kein ruhiger Einstieg. National hieß es, das sei vielleicht etwas zu wild für eine Formationskür. Ich fand es genau richtig. Platzierungstechnisch änderte sich wenig: Dritter, Dritter, Fünfter. Dann Rom. Unsere erste Weltmeisterschaft.
Die Halle war riesig, das Publikum laut auf eine Art, die wir nicht kannten. Die Italiener sind Rollkunstlauf-Verrückte, sie kommen in Scharen und feiern jeden Lauf — das hatten wir so noch nicht erlebt. Mitten in der Kür ein Sturz. Fünf Minuten, die sich in Sekunden auflösen. Achter Platz. Wir wussten jetzt, wo wir standen.
### Carmina Burana und der Sprung nach vorn
2006 änderte sich etwas. Das neue Programm zu Carl Orffs „Carmina Burana" war das erste, bei dem Choreographie, Musik und läuferisches Können wirklich zusammenpassten. Aber es war nicht einfach eine gute Musikwahl. Ich hatte die Carmina Burana als Jugendlicher selbst gesungen, im Chor, auf der Bühne. Ich kannte jeden Takt, wusste, wie sich das Stück aufbaut, wo es atmet und wo es explodiert. Diese Musik mit sechzehn Läuferinnen auf die Fläche zu bringen war für mich kein kreativer Auftrag, sondern ein lang gehegter Wunsch.
Wir fingen nicht mit dem „O Fortuna" an, das wäre zu naheliegend gewesen. Stattdessen ein ruhigerer Einstieg, langsame Steigerung, und dann irgendwann dieses Stück, das jeder kennt. Ich habe die Musik stundenlang geschnitten, einzelne Passagen leicht beschleunigt oder verlangsamt, bis der Takt saß. Auf der einen Seite rot, auf der anderen Seite cremeweiß — ein Kostüm, das das Bild je nach Blickwinkel komplett veränderte.
Das Ergebnis: Wir holten auf den Landes- und Norddeutschen Meisterschaften den Titel! Bei den Deutsche Meisterschaften standen wir als zweite auf dem Treppchen. Deutscher Vizemeister. In einem Jahr vom fünften auf den zweiten Platz.
Im Oktober richteten wir den Kürpokal in Delmenhorst aus. 150 Jahre DTV, 270 Aktive, zwei Tage Wettkampf. Und auch "Skate That" war am Start. Und erhielten mehrfach die 10,0! Meine Schwester war als Läuferin dabei, meine damalige Freundin — heute meine Frau — hatte die Choreographie mit erarbeitet, die Schritte, die Armbewegungen, alles, was ich analytisch nicht greifen konnte. Ich war zuständig für die großen Bilder: die Formationen, die Figuren, den Gesamtrahmen. Das Kreisblatt brachte es irgendwann auf den Punkt: Ohne unsere Familie rollt hier nichts.
Dann Murcia, WM. Gleich zu Beginn der Kür ein Sturz. Die Konzentration war danach weg, einfach weggeblasen. Platz neun. Ich hatte mir mehr ausgerechnet. In diesem Moment war ich wahrscheinlich schlechte Gesellschaft. Aber der Trotz kam schnell: Nächstes Jahr greifen wir an.
### Porto — der Abend, an dem alles stimmte
2007 lief „Carmina Burana" in die zweite Saison. Die lief gut genug für die erste Europameisterschaft. Porto, Portugal.
Die Vorbereitung davor war ein Desaster: Vier Wochen lang kein einziges Training in Originalbesetzung. Erst vor Ort konnten wir eine Stunde lang frei trainieren. Eine Stunde für eine fünfminütige Kür bei einer Europameisterschaft. Und diese Stunde war natürlich das übliche Chaos: Der Boden fühlt sich anders an als zu Hause, die Orientierung stimmt noch nicht, irgendjemand fällt beim Einlaufen hin, die Anspannung wird mit jeder Minute größer.
Dann der Durchlauf. Die B-Note von 9,8 war die höchste des gesamten Wettbewerbs. Zwei von sieben Wertungsrichtern sahen uns auf Platz eins. Als die Ergebnisse feststanden, stand ich am Rand und konnte es nicht fassen. Vize-Europameister. Mir kamen die Tränen, das hatte ich so nicht kommen sehen.
Gefeiert haben wir im Hotel bis zum Abflug in den frühen Morgenstunden.
### Dreißigtausend Euro und eine leere Werbefläche
Die Qualifikation für die WM in Australien hatten wir in der Tasche. Was fehlte: dreißigtausend Euro für Flug und Aufenthalt. Rollkunstlauf hat keine Fernsehverträge, keine Hauptsponsoren, keine Verbandstöpfe, die solche Reisen bezahlen. Wir finanzierten alles selbst. Trainingsfahrten, Startgebühren, Kostüme, Musik, Jacken mit unserem Logo. Je professioneller wir auftraten, desto unsichtbarer wurde die Finanzierungslücke darunter.
Ich ging an die Öffentlichkeit. Mehrere Zeitungen druckten unseren Aufruf. Meine Handynummer stand in der Zeitung. Es meldete sich niemand. Im September 2007 war es offiziell: Sponsorensuche erfolglos. WM adé.
Auf dem Dachboden habe ich den Artikel wiedergefunden. Ein Stück Papier, das festhält, wie es sich anfühlt, wenn sportliche Leistung nicht reicht, weil das Geld fehlt. Vize-Europameister, und trotzdem sitzt du zu Hause. Auch 2008, als die WM in Taiwan stattfand, konnten wir nicht fahren. Erst 2009, als die WM nach Freiburg kam, war eine Teilnahme wieder möglich. Drei Jahre Wartezeit auf eine Chance, die vom Austragungsort abhing.
### Rocky und das Jahr der Zweiten Plätze
2008 hieß das Programm „Rocky". Sechzehn Läuferinnen färbten sich die Haare schwarz, den halben Nachmittag lang. Das Ergebnis auf der Fläche: Landesmeisterschaften Zweiter. Norddeutsche Zweiter. Deutsche Meisterschaften Zweiter. Europameisterschaften Zweiter. Alles Platz zwei. Und erneut Vize-Europameister.
Die Saison war sportlich herausragend und gleichzeitig frustrierend. Zweiter Platz bedeutet: gut genug, um überall dabei zu sein, aber nicht gut genug, um zu gewinnen. Der Dauerrivale "Dream Team" war immer einen Tick besser. Oder die Wertungsrichter sahen es so. Das Verhältnis zu den Trainerkollegen der anderen großen Teams — aus Niedersachsen, aus Hessen — war immer freundschaftlich, herzlich. Wir haben gegeneinander gekämpft und voneinander gelernt. Das war möglich, weil der gegenseitige Respekt da war.
Ich habe in dieser Zeit viel trainiert und noch mehr verlangt. Von den Läuferinnen und von mir selbst. Was ich damals nicht so klar sah, aber heute weiß: Ich hätte manches anders machen können. Weniger Druck, mehr Vertrauen. Die Ergebnisse wären vielleicht dieselben gewesen. Aber die Menschen dahinter hätten es sich leichter verdient. Ich erinnere mich noch gut, wann ich zum ersten Mal spürte, dass sie mir wirklich vertrauten. Es war kein Gespräch, keine Geste. Es war der Moment, in dem es auf der Fläche lief — und alle es gleichzeitig wussten.
### Heilbronn — fünf Minuten ohne Nachdenken
2009 hieß das neue Programm „The Rock". Meine Frau hatte die Choreographie gebaut. In der Vorbereitung auf die DM erhöhten wir das Trainingspensum auf zehn Stunden die Woche. Samstag Abend, Sonntag Morgen, unter der Woche noch Extraeinheiten. Manche Läuferinnen fuhren jedes Wochenende über hundert Kilometer. Die Trainings liefen stundenlang, die Musik auf Dauerschleife. Irgendwann war meine Stimme heiser vom Kommandogeben. Man hört das auf Fotos nicht. Die Nächte vor Wettkämpfen konnte ich kaum schlafen. Stundenlang wach liegen, die Kür im Kopf, alles durchgehen, was schiefgehen könnte.
Dann Heilbronn. Sechzehn Läuferinnen laufen auf die Fläche. Fünf Minuten Kür. Ich stehe am Rand und merke nach dreißig Sekunden, dass es läuft. Nicht das vorsichtige Abtasten, das man nach einer verkorksten Probe erwartet. Etwas anderes. Die Läuferinnen steigern sich von Element zu Element, laufen die sauberste Kür der Saison. Ab einem bestimmten Punkt denkt man nicht mehr nach — man läuft einfach nur noch. Das war der Punkt.
Ich spüre das noch heute, wenn ich daran denke. Wie die Fläche aussah. Wie die Stimmung war. Deutscher Meister! Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Und dann auch Mannschaft des Jahres 2009.
Gefeiert haben wir mit einer Flasche Sekt für sechzehn Leute. Im Bus, irgendwo auf der A6, nach acht Stunden Fahrt. Um sechs Uhr morgens waren wir zurück in Delmenhorst.
Ein paar Wochen später die WM in Freiburg. 3.500 Zuschauer. Wir traten mit sechzehn Läuferinnen an gegen Teams mit zwanzig. Fünfter Platz. International fehlte noch ein Stück. Aber der DM-Titel wog schwerer als jede WM-Platzierung.
### Skatetastic — Fusion und Abschied
2010 fusionierten wir mit einem Verein aus Osnabrück zur neuen Formation „Skatetastic". Zwanzig Leute statt sechzehn, zwei Trainingsstandorte, zwei Trainer. Bei der DM reichte es für Platz zwei, knapp, drei zu zwei Wertungsrichterstimmen gegen uns. Bei der WM in Portugal wieder Fünfter. Ein Sturz kostete den Medaillenplatz.
Im Januar 2011 fand dann das letzte Formationstraining statt. Kein großer Abschied, kein letzter Wettkampf. Es hörte einfach auf. Ich hatte kurz zuvor einen neuen Job angefangen, im Herbst geheiratet. Das Leben hatte andere Pläne. Sport, Familie, Beruf: Irgendwann passen nicht mehr alle drei auf die Fläche.
Ich habe dann alle Ämter abgegeben. Den Abteilungsleitungsposten, die Funktionärstätigkeit, das Training. Fast jeden Tag hatte ich jahrelang in einer Halle gestanden. Abends, nachmittags, an Wochenenden. Und dann plötzlich nicht mehr. Das war seltsamer, als ich erwartet hatte.
### Fünfzehn Jahre später, auf dem Dachboden
Sieben Jahre Formationslauf. Fünf Programme. Zwei Vize-Europameistertitel, ein Deutscher Meistertitel, drei WM-Teilnahmen, unzählige Landes- und Norddeutsche Meisterschaften. Alles selbst finanziert, von einer Familie getragen, die den Sport zu ihrer Sache gemacht hatte.
Ich habe die Zeitungsartikel vom Dachboden inzwischen alle eingescannt. Über neunzig Stück, sauber sortiert. Beim Durchlesen fiel mir auf, wie viel ich vergessen hatte. Die einzelnen Platzierungen. Die Sponsorensuche, die ins Leere lief.
Aber den Moment in Heilbronn, als die Kür lief und ich am Rand stand und wusste, dass es reicht — den habe ich nicht vergessen. Und Porto, und wie die Tränen kamen, ohne dass ich das geplant hatte. Und die Busfahrten durch die Nacht. Und das Geräusch, wenn die Rollschuhe gleichzeitig über den Boden gleiten, alle im gleichen Takt. Das ist ein Geräusch, das man nicht vergisst.
Ich habe in diesen Jahren viel über Sport gelernt. Und, rückblickend, noch mehr über Menschen, Vertrauen und das, was entsteht, wenn viele gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Manches davon hat mich bis heute begleitet in anderen Rollen, mit anderen Fragen.
Manche Dinge brauchen keinen Zeitungsartikel, um zu bleiben. Aber es schadet nicht, wenn man einen hat.
_Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt._
## Links
- Europameisterschaften 2008:
[https://youtu.be/UUagq-Nz-GA?is=PFLr4ZaIKSZyU-C2](https://youtu.be/UUagq-Nz-GA?is=PFLr4ZaIKSZyU-C2)
- Weltmeisterschaften 2009:
[https://youtu.be/sEWRoUepgow?is=XbR9U60pMjHc89AQ](https://youtu.be/sEWRoUepgow?is=XbR9U60pMjHc89AQ)
- Weltmeisterschaften 2010:
[https://youtu.be/VCD-e-LeeoY?is=MBN5yeCJGjb_TqfT](https://youtu.be/VCD-e-LeeoY?is=MBN5yeCJGjb_TqfT)